|
Eliyes Carna
Eine kleine Vorstellung des Ersten Hortes
unter dem Blickwinkel Yornas, einer jungen Vi-En'dhakar und Ilariels
und Yindiths.
Girlandenflug
Yorna, die vor nicht allzu langer zeit
ihren Drachen Marish für sich gewinnen konnte, nimmt an ihrem allerersten
- und auch für Eliyes Carna den ersten - Girlandenflug, ein Frühlingsritual,
teil.
Eine blumengeschmückte Girlande wird
von Dutzenden von Drachen in das land hinausgetragen, als Symbol für
das Leben, das nach der Schöpfung von Eliyes Carna aus die damals
noch karge Welt eroberte.
Eliyes
Carna
orna
beugte sich über die Steilkante der Kraterkrone und legte sich
flach auf den Bauch. Die Hände zum Trichter geformt und an den
Mund gelegt, rief sie im rhythmischen Singsang der Arbeitstruppe hinab.
Ein verschwitzter Mensch hob den Kopf und blinzelte in die grelle Sonne.
Er konnte sie nicht genau erkennen, aber er winkte zweimal, um anzuzeigen,
daß er sie verstanden hatte.
Sein Truppleiter neben ihm, ein Vi-En'dhakar, antwortete mit zwei kräftigen,
vollen Rufen, woraufhin die drei Trupps, die rund um den Tunneldurchbruch
des Durchgangs arbeiteten, ihre Arbeit niederlegten und nach oben sahen.
Neben ihr hörte sie das Scharren von Klauen, dann ein heftiges
Aufstampfen und das typische Geräusch, das entstand, wenn ein Drache
seinen Schwanz auf dem Boden hinter sich herschleifte.
Der rote Arbeiter faltete ihre Flügel und blinzelte Yorna an.
Der Rest der Jagdgruppe setzte gerade ein Stück weiter entfernt
auf dem Kraterrand auf.
Ein Jäger segelte mit v-förmig hochgestellten Schwingen in
den alten Vulkan und landete mit seiner Last aus zusammengebundenen
Tierleibern neben dem See, um dessen Ufer herum die Erde frisch aufgebrochen
worden war.
En'dhakar und Menschen strömten herbei, um das kräftige, dunkle
Männchen von seiner Ladung Fleisch zu befreien.
Der junge Drache wartete nur lang genug, bis die Haltestricke um seinen
Nacken gelöst worden waren, trat dann einige Schritte zurück
und warf sich neben der Menge wieder in den Himmel.
Yorna konnte das tiefe, mächtige Summen der Flughäute bis
zu ihrem Standort hören.
Ein Ruck an ihrem Gürtel, der sie zurückrutschen ließ,
unterbrach jäh ihre Gedanken.
Der rote Arbeiter hatte sie mit einer Klaue vom Kraterrand zurückgezogen
und schüttelte sanft tadelnd ihren keilförmigen Kopf.
Daß euch der Schwindelgefühl fehlt, damit ihr mit uns
fliegen könnt, macht euch zuweilen etwas unvorsichtig. Das
geschlechtslose Wesen setzte seine Vorderpfote wieder auf dem felsigen
Boden auf und kratzte sich am Bauch.
"Entschuldige. Ich werde daran denken," versprach Yorna grinsend.
Die Arbeiter waren fast immer gleich. Mütterlich, besorgt und immer
darum bemüht, Unheil zuvorzukommen. Alles Eigenschaften, die sei
bei der Aufzucht der termperamentvollen Jungdrachen gut gebrauchen konnten.
Und hatten sie keine Jungdrachen zum Bemuttern, hielten sie sich eben
an unvorsichtige, junge Humanoiden. Nicht, daß das falsch wäre,
denn nach Yornas Wissen hatte es Situationen gegeben, wo ein besorgter
Arbeiter durchaus Unfälle verhindert hatte.
Wenn sie einen nur vorher warnen würden, bevor sie einen packten
und aus der Gefahrenzone rissen...
Unter Yorna tauchte ein mächtiger, goldener Kopf auf. Sie konnte
die weiße Blässe und die roten Flecken um den Ansatz des
Stirnkammes deutlich erkennen.
Der Kopf drehte sich aufwärts, und das riesige, mehr als kopfgroße
Auge betrachtete sie kurz.
Dann schnaubte das goldene Ungetüm und watschelte mit fast lächerlich
wirkender Eile auf dem bereits fertiggestellten, breiten Sims entlang,
der die oberste der drei von außen begehbaren Wohn- und Raumebenen
in luftiger Höhe miteinander verband.
Yorna wartete, bis die riesigen Schultern und der Brustkorb unter ihr
vorbeigezogen waren, und die ledrigen, transparenten Schwingen links
und rechts des Körpers voll sichtbar waren.
Die über der Schwanzwurzel gekreuzten Flügelspitzen zuckten
unruhig, als spüre der riesige Drache etwas Unangenehmes, das ihn
am Rücken kitzelte.
Schnaubend und grummelnd setzte das Geschöpf seinen Weg fort und
zog seinen langen, muskulösen Schwanz hinter sich her.
Yorna warf dem Arbeiter einen kurzen, fragenden Blick zu, ehe sie sich
vorsichtig an den Abstieg machte.
Die grob gemeißelten, noch zu rohen Stufen waren noch immer eine
Herausforderung für sie.
Yornas Füße waren noch immer wund von den vielen Botengängen
die halbfertigen Treppen hinauf und hinunter.
Schuhe halfen nicht. Sie mußte eben warten, bis die Sohlen verheilten
und sich eine Hornhaut bildete.
Unter ihr knetete ein Vi-En'dhakar gerade mit geschickten Händen
die gewölbte, sanft geschwungene Front eines Torbogens und ließ
den festen Basalt unter seinen Händen kurzfristig weich wie nassen
Ton werden.
Yorna erkannte sein weißes, silbrig leuchtendes Haar sofort. Als
er aufsah, um dem riesigen, goldenen Drachen einen Blick zuzuwerfen
- das gigantische Weibchen kauerte nun auf dem Sims genau über
ihm - blinzelte er Yorna kurz an und grinste breit.
Das Drachenweibchen schüttelte den Kopf und bellte scharf.
Der Laut veranlaßte den Truppleiter neben dem silberhaarigen Urelf
zu einem erschrockenen Satz rückwärts.
Das goldene Weibchen senkte ihren massigen Schädel, reckte Hals
und Schultern, um zu dem Urelfen hinabzusehen und drehte dabei den Kopf
hin und her. Ihre Kehle vibrierte, doch kein Ton kam heraus. Die Flügel
waren halb entfaltet, und der Stirnkamm war aufgerichtet.
Yorna blieb auf einem Treppenabsatz stehen, während unter ihr die
Schwanzspitze der Weibchens irritiert hin und her zuckte.
Plötzlich warf der große Drache den Kopf hoch und schnaubte
heftig.
Der Urelf hob die Hände vom Gestein, sagte etwas zu dem Truppleiter,
der nickte und begann dann, die Treppenstufen zu dem goldenen Drachen
hinaufzusteigen.
Aus dem Weg da vorne! Eine dunkler Arbeiter hoppelte auf dreien seiner
vier Beine auf dem Sims auf sie zu. Im Griff seiner linken Vorderpfote
zappelte ein junger Drache und stieß mitleiderregende, schrille
Rufe aus.
Yorna drückte sich hastig in eine Eingangsnische, bis der Arbeiter
vorbeigeschlurft war und erhaschte dann einen Blick auf den hoch erhobenen,
goldenen und weißen Kopf des riesigen Drachen, der starr und bewegungslos
wie eine Statue dahockte, während der hellhaarige Urelf neben einer
der akurat aufgesetzten Vorderpfoten gestikulierte und offensichtlich
vergeblich auf seine sture Gefährtin einredete.
Yorna grinste.
Typisch Yindith! Wahrscheinlich hatte ihr Partner etwas vergessen. Das
passierte ab und zu, und das Problem für Ilariel bestand dann darin,
Yindith dazu zu bringen, ihm wieder zuzuhören.
Drachenköniginnen waren manchmal recht eigen, aber Yindith war
kein gewöhnlicher Drache, keine gewöhnliche Königin.
Genau genommen stammten die anderen Drachen hier von ihr ab, und sie
war so etwas wie eine All-Mutter.
Nicht, daß man ihr das anmerken würde, oder daß man
das aus ihrem Benehmen ableiten könnte...
Ilariel schüttelte den Kopf, als das Weibchen den Kopf ein wenig
drehte und ihn kühl ansah.
Dann ließ sie ihre Pose plötzlich fallen, knickte seufzend
ihre Vorderbeine ein und duckte sich, daß ihr Partner ihren hohen
Nackenkamm erklettern konnte.
Yorna hatte gehört, wie manche behaupteten, daß sowohl Yindith
als auch Ilariel über Kräfte und Fähigkeiten verfügten,
die es ihnen erlaubten, in Sekundenschnelle irgendwohin zu reisen, ohne
sich groß anzustrengen. Sie konnten noch ganz andere Dinge, aber
trotzdem benahmen sie sich wie ganz normale Leute - meistens jedenfalls.
Und Yindith schien es genießen, zu fliegen.
Yorna sah das fahle, im Tageslicht kaum sichtbare Leuchten um den riesigen
Drachen herum, das anzeigte, daß der Flugzauber sich um Muskeln,
Knochen und Sehnen legte, um das mächtige Geschöpf leicht
genug zu machen, daß es fliegen konnte.
Yindith neigte sich so ruckartig vor, daß es Yorna erschien, als
sei sie gestolpert, breitete dann mit einem Knall und dem Schnalzen
von Sehnen die Schwingen aus und gewann mit zwei, drei gewaltigen Flügelschlägen
an Höhe, ehe ihr Bauch versehentlich die Baumkronen der wenigen
Bäume rund um den Kratersee streifte.
Das tiefe, hallende Donnern und Schwirren der Flügelschläge
verklang, als Yindith höher kreiste, die Flosse am Ende ihres Schwanzes
ausbreitete und dann über den Kraterrand hinwegsegelte.
Yorna blickte nach unten und sah weiter den Bautrupps zu.
Yindith kreiste auf einer Thermik höher, bis
sie das gesamte Rund des Kraters mit einem Blick erfassen konnte.
Überall herrschte Aktivität. Der Ausbau kam gut voran.
In diesem Moment kam ein Wächterdrache mit einer Ladung Steine
aus einer Höhle und flog mit der Ladung zur Abraumhalde am Fuß
des Kraters, wo die Steine aufgeschichtet wurden, um feste Begrenzungen
für Weideflächen zu erhalten.
Ilariel saß hoch aufgerichtet und ohne Halteriemen auf ihrem Nacken.
Diesen speziellen Trick konnte nur er sich erlauben. Jeden anderen Reiter
hätte der Flugwind längst fortgeblasen. Er aber saß
in seiner Schutzglucke, die Flugwind abhielt, nur mit Knien und Händen
an ihrem Kamm Halt suchend, aufrecht da und blickte ebenfalls nach unten.
Du hast es wieder einmal vergessen, aber ich sage ja gar nichts mehr.
Nein, wirklich nicht. Sie drehte eine letzte Runde über dem
erloschenen Vulkan.
"Jetzt sind wir ja unterwegs, oder nicht?" Er brauchte nicht zu sprechen,
damit sie ihn verstand, doch er tat es dennoch. Bewußt, entgegengesetzt
seinen Fähigkeiten. Es schien ihm Spaß zu machen, Sterblicher
zu spielen.
Sie knurrte nur, noch immer ein wenig verärgert. Dann machte sie
einige schnellere Flügelschläge und glitt in eine schnelle
Luftströmung nach Norden. Lange Zeit flog sie, ohne bewußt
zu denken. Nur Wind unter ihren Flügeln, das Kitzeln winziger Turbulenzen
auf dem Flaum ihrer Flughaut; minimale Veränderungen der Stellung
ihrer Flügelfinger.
Ihr ganzer Körper kribbelte, wenn sie flog. Jedes Sinneshärchen,
jeder Nerv meldete die ständigen Veränderungen von Windrichtung
und -geschwindigkeit. Sie spürte sanfte Stöße und Schläge
an ihrem Leib - kleine, widerspenstige Gegenströmungen, die sie
jedoch nicht vom Kurs abbringen konnten.
Der Wind, die Luft trug sie wie einen Schwimmer das Wasser. Sie lag
ausgestreckt auf der Strömung, benutzte ihre Flügel, um die
Höhe zu halten, die Schwanzflosse, um Richtungen oder Höhe
zu korrigieren.
Der eisige Biß der höheren Luftschichten ließ sie ein
wenig frösteln, doch sie schaltete die Empfindung ab und konzentrierte
sich auf ihr Flugziel.
Unter ihr zogen bewaldete Berghänge und rauher Fels vorbei.
Sie blickte geradeaus, auf den Horizont, wo sich erste, schneebedeckte
Gipfel erhoben.
Noch weiter nach Norden, immer geradeaus, und irgendwann würde
sie über das Rückgrat der Welt hinwegfliegen, die grasigen
Steppenebenen erreichen, den Ozean überqueren und schließlich
das Ewige Eis erreichen.
Soweit ihre Flügel sie trugen.
Versonnen knurrte sie vor sich hin, bis sie eine leichte Berührung
am Nackenkamm spürte.
Ilariel wies sie auf etwas hin, das unter ihr war, unter ihr in der
Luft.
Und es war das, was sie gesucht hatte.
Sie betrachtete den Schemen von oben, nahm ausgestreckte Flügel
wahr, rot und weiß gesprenkelt, einen langen, gestreckten Schwanz
und einen kürzeren Nacken, der sich nun nach oben bog, als das
andere fliegende Wesen ihre Anwesenheit registrierte.
Yindith winkelte beide Flügel an und ließ sich durchsacken.
Zwei nervöse Hände umklammerten ihren Kamm und entspannten
sich erst wieder, als sie aus der schwindelerregenden Seitenlage ihres
Sturzfluges in eine waagerechte Flugbahn knapp über dem zweiten
Drachen überging, der nun aus seinen wartenden Flugkreisen aufstieg,
um sie zu betrachten.
Ilariel wollte etwas sagen, überlegte es sich dann aber anders
und warf einen langen, abschätzenden Blick auf das rotgescheckte
Geschöpf, das Yindith zwar entfernt glich, aber nur gut halb so
lang war.
Nandurrh, sagte Yindith in der ihr eigenen, lautlosen Sprache.
Das gefleckte Weibchen reckte den Kopf in ihrer Richtung und bellte
bestätigend.
*Mutter...*
Immer noch so förmlich? Was habe ich damals getan, daß
du nicht ganz normal mit mir sprechen kannst?
*Du solltest froh sein, daß ich mich überhaupt mit dem
Gedanken anfreunden kann, dich als Mutter zu sehen. Schließlich
habe ich nie viel mütterliche Zuwendung von dir bekommen.*
Ilariel verfolgte den Dialog zwischen den beiden Drachenwesen. Nandurrh
wollte offenbar, daß auch er hörte, was zwischen ihr und
Yindith gesprochen wurde.
Der riesige, goldene Drache wandte unbehaglich den Kopf ab und blickte
zu Boden. Ihre Fluglage veränderte sich leicht, ehe sie wieder
zu Nandurrh hinüberblickte. Was bringt dich hierher? Ich dachte,
du bevorzugst die warmen Lagunen im Süden?
Yindiths zwergenhaft wirkende Tochter bellte erneut. *Vielleicht
wollte ich nur sehen, was du tust.*
Entwickelst du auf einmal familiäre Gefühle? Yindiths
scherzhafte Bemerkung schien nicht besonders gut von Nandurrh aufgenommen
zu werden, denn sie schwenkte verächtlich zur Seite und spie einen
Strahl grünliches Feuer nach unten. Sie antwortete nicht.
Ilariel beugte sich über den weißen Nackenkamm seiner Partnerin
und übermittelte ihr einige kurze, fragende Gedanken.
Yindith seufzte, stieg über Nandurrh auf und antwortete ihm, Ich
wollte, daß du sie siehst. Weißt du noch, was sie damals
für ein Geschrei machte, als ich sie bat, nach Eliyes Carna zu
kommen?
Ilariel nickte nur, als er sich an die häßliche Szene erinnerte.
Nandurrh hatte sich hartnäckig und lautstark geweigert, bei Yindith
zu bleiben. Genau wie ihr Zwillingsbruder Urrangurh hatte sie
den Hort verlassen, um fern von ihrer Mutter ihr eigenes Leben aufzubauen.
Warum habe ich nie Glück bei meinen Kindern, klagte Yindith,
erwartete jedoch keine Antwort.
Es schmerzte, wenn der eigene Nachwuchs - und sei er auch auf anderem
Wege entstanden als durch eine normale Zeugung und Geburt - sie ablehnte
und sie völlig ablehnte. Yindith stand vor demselben Dilemma wie
so manche Mutter: ein Gefühl der Zuneigung konnte sie bei dem Gedanken
an ihre Nachkommenschaft nicht ganz abwehren, aber andererseits wußte
sie, daß verspätete Mutterliebe oder das, was sie dafür
hielt, die Distanzen nicht mehr überbrücken konnte. Die Erkenntnis
kam viel zu spät.
"Du hättest damals daran denken sollen, als du sie erschaffen hast,"
sagte Ilariel in normaler Lautstärke. Yindith verstand ihn trotzdem.
Es war kein Tadel, nur eine Feststellung.
Nandurrh bog ihren roten Kopf zurück, sah sie an und kreiste dann
in einer steilen Spirale tiefer, als sie erkannte, daß der goldene
Drache nichts mehr zu sagen hatte.
Yindith beobachtete ihre davonziehende Tochter mit einem unerklärlichen
Gefühl von Unheil.
Ilariel seinerseits schüttelte bedauernd den Kopf, runzelte dann
die Stirn, als er ein kurzes, intensives Gefühl von Bedrückung
verspürte, gekoppelt mit dem Bild eines großen, schwarzschuppigen
Drachen, der Nandurrh ähnelte.
Yindith empfing das Bild zur selben Zeit und war versucht, ihre Schöpferfähigkeiten
zu benutzen, um die Vorausschau zu verstärken.
Doch irgendein Impuls erstickte den Wunsch in ihr so rasch, wie er entstanden
war.
Natürlich hatte sie den schwarzen Drachen erkannt. Es war Urrangurh
gewesen, und er würde bald hier sein, genau wie seine Schwester.
Was noch ungewöhnlicher war.
Die beiden hatten geschworen, nie mehr zum Ort ihrer Entstehung zurückzukehren.
Was treib sie ausgerechnet jetzt hierher?
Ilariel klatschte plötzlich mit seiner Hand auf ihren Kamm und
begann, etwas zu rufen, was sie nicht richtig zu deuten wußte,
bis sie nach unten sah und mit einem Aufschrei seitwärts kippte.
Unter ihr erstreckte sich ein schneebedecktes Gletschertal, doch auf
der makellos weißen Oberfläche erstreckte sich so etwas wie
ein lebender Teppich aus schwarzen Partikeln, die von hier oben eine
erschreckende, abscheuliche Eigenbewegung zu haben schienen.
Große, kleine und winzigste Fragmente aus lichtschluckendem Schwarz
bildeten eine ekelhafte Patchwork-Decke auf dem Eis des Gletschers,
die sich in wellenartigen Bewegungen vorwärtsschob.
Und darüber in der Luft, nun nur noch sichtbar als rotweißer
Punkt - Nandurrh!
Es schien ihr völlig gleich zu sein, ob Yindith sie sah oder nicht.
Mit sorgloser Unbekümmertheit schwebte sie über der Horde,
suchte sich in aller Seelenruhe einen Landeplatz neben der Masse aus
und landete dann neben etwas, das von hier oben aussah wie ein stachelbesetzter
Teppich aus fleischiger, schwarzer Gallertmasse.
Das Ding hob seinen Stummelkopf, als Nandurrh landete, beschnüffelte
sie und wandte sich dann grunzend wieder ab, während die winzige,
schwarze Gestalt auf seinen Schultern grüßend eine Stahlpeitsche
schwang.
Yindith sah die Szene mit ihren leistungsfähigen Drachenaugen genauso
wie Ilariel.
Keiner sagte ein Wort, als der Drache einen Schirm aus flirrender Luft
um sich herum ausbreitete und höherstieg.
Die Luftdecke verhinderte, daß man sie sah, doch das magische
Gespür von einigen dieser Nachtkreaturen hatte sie bestimmt schon
verraten.
Doch nichts geschah. Kein Angriff, kein Schrei, nichts.
Yindith wendete in der Luft und flog mit jeder Unterstützung durch
Wind, Schöpferkraft und Muskeln zurück nach Elyes Carna.
Girlandenflug
orna
schwitzte.
Es lag nicht an ihrer Ruhelosigkeit, auch nicht an der ständigen
Tätigkeit, mit der sie in fast fieberhafter Eile unterwegs war,
um lange, flexible Weidenruten in Bündeln von hier nach dort zu
tragen.
Es lag an der elenden Hitze!
Zwar lagen noch immer klägliche Schneereste auf den Hängen
des alten Vulkanes, und noch immer zogen die winterlichen Nebelschwaden
tief durch die umliegenden Hügel und Täler...
Aber hier oben brannte die Sonne mit erstaunlicher Kraft herab und hatte
schon vor einer Woche jeden Schneerest weggeschmolzen.
Geschnittene, frisch eingeflogene Blütenranken mit noch geschlossenen
Blütenknospen lagen entlang der zahlreichen Terrassen in flachen
Wasserschalen.
Die Sonne und die Wärme lockte die Blüten, sich zu öffnen
und ihre sternenartigen Blütenblätter voll zu entfalten.
Überall waren Leute damit beschäftigt, die aufblühenden
Ranken um ein endlos langes, geflochtenes Lederseil zu winden und zu
flechten.
Das Seil selbst war so dick wie Yornas zusammengelegte Arme und mußte
Tonnen wiegen.
Mit einem Plumps setzte sie ihr letztes Weidenrutenbündel ab und
schaute sich um, während ihr salziger Schweiß in die Augen
lief.
Marish hockte auf der Kraterkrone und hielt in für Yorna unbegreiflicher
Geduld einen meterlangen Abschnitt Seil hoch, während rundherum
Weidenruten, Blätter, Federn, glitzernde Metallfäden und Ranken
darumgewunden wurden.
Den Schwanz aufgestützt, den Kopf hoch erhoben und mit einem seltsam
anmutenden, zufriedenen Drachengrinsen auf dem Gesicht, veränderte
der Arbeiter nun leicht die Stellung seiner Hinterbeine und breitete
die Flügel leicht aus, um die Hitze der Sonnenstrahlen in sich
aufzunehmen.
Als Yorna die Treppenstufen zu ihrem Drachen erklettert hatte, drehte
Marish den blauen Kopf in ihre Richtung und reckte die Schnauze nach
vorne, um sich streicheln zu lassen.
Die Frauen um die Blumengirlande herum sahen kurz auf, lächelten
fast gleichzeitig und vertieften sich dann wieder in ihrer fast beendete
Arbeit.
Noch zwei Stunden, erklärte Marish und schnaubte mit halbgeschlossenen
Augen in Yornas Weste hinein.
Yorna nickte, wischte sich erneut Schweiß von der Stirn und tätschelte
die muskulöse Schulter.
Marish wandte den Kopf, sah einer der Frauen in die Auge, die gerade
den letzten Knoten um die Girlande gelegt hatte, und ließ dann
vorsichtig das schwere Gebilde sinken.
Dann machte der Drache einen kleinen Hopser zur Seite und tippte
Yornas mit einer ausgefahrenen Klaue auf die Schulter.
Yorna ergriff ein ausgestrecktes Vorderbein, winkte und zog sich gleichzeitig
mit der freien Hand auf den hohen Nackenkamm ihres Drachengefährten.
Marish war schon in der Luft, ehe sie richtig auf dem Kamm saß
und segelte gemächlich auf den Kratersee zu, wo sich bereits zahlreiche
andere Drachen mit ihren Gefährten eingefunden hatten.
Faulenzend, planschend, oder vom Öl glänzend, säumten
die mächtigen und so verschieden großen Geschöpfe das
Seeufer.
Viele der dhakanischen Reiter schienen es zu genießen, sich in
den kühlen Wellen des Sees abzukühlen. Die "ohrenlosen", die
Menschen unter den Drachengefährten fielen in dem bunten Wirrwarr
kaum auf.
Yorna hatte sowieso nie zu denen gehört, die sich die Mühe
machten, zwischen dhakanischen oder Nunchas zu unterscheiden. Dabei
war das Wort bestimmt nicht als Beleidigung gedacht, eher als schlichter
Sachverhalt.
Sie quiekte entsetzt auf, als Marish direkt im See landete, die Hinterbeine
steif abgespreizt wie ein wassernder Pelikan.
Sie ließ sich von dem sonnenheißen Nacken ins Wasser fallen,
mit Kleidung und allem, und tauchte prustend und nach Luft schnappend
wieder auf, als Marishs Schwanzspitze sie wie ein Rettungsanker ans
Licht zerrte.
Eine der zwei Königinnen des Hortes hockte in nächster Nähe
still im Wasser und ließ sich von einem guten halben Dutzend nunchanischer
Helfer mit Sand abreiben, während ihre dhakanische Reiterin auf
dem breiten Rücken hockte und mit einer großen, starren Borstenbürste
den letzten Schmutz aus den Poren rubbelte.
Yorna wischte sich Wasser und Haare aus den Augen, als sie an Marish
vorbei wieder ans Ufer zurückstakste und blickte auf den hohen
Sims, weit über dem See.
Der goldene Schimmer eines ganz bestimmten Drachen erweckte ihre Aufmerksamkeit.
Yindith war schon vorbereitet und wartete träge auf den Beginn
des Fluges.
Wahrscheinlich hatte Ilariel mit schlitzäugiger Cleverness einige
seiner fleckigen Artgenossen dazu angeheuert, ihm beim Baden und Ölen
seines goldenen Kolosses zu helfen.
Yindith war ja auch riesig, zumindest ein ganzes Stück größer
als die Seniorkönigin des Hortes, die wahrhaftig kein Zwerg war
und alle anderen Drachen haushoch überragte.
Grinsend bei dem Gedanken, wie Yindith es sich träge da oben gutgehen
ließ, wand sie ihre triefnassen Kleider aus, bemächtigte
sich einer langstieligen Bürste und begann, Marish im knietiefen
Wasser abzuschrubben.
Stunden später, als Marish vorsichtig und bedächtig
einen Fuß vor den anderen setzte, um den Ölfilm auf seiner
Haut nicht zu zerstören, blickte Yorna über die Kraterkrone
hinaus.
In den Waldtälern konnte sie einiges an Bewegung ausmachen.
Die Kundschafter hatten berichtet, daß sich einige Zuschauer bereits
rund um den Krater eingefunden hatten und nun zielstrebig nach Westen
strömten, wo der Girlandenflug über das Land ziehen würde.
Yindith kauerte mittlerweile auf der Kraterkrone, Ilariel dicht neben
sich und wog in ihren Vorderpfoten prüfend den schweren, lederbezogenen
Metallring der Girlande, der das schwere, nun blumengeschmückte
Lederseil in zwei etwa gleichlange Stücke teilte.
Schwarze Quasten aus Federn und Fell zitterten in dem nun aufkommenden
Wind aus Osten.
Drachenköpfe hoben und senkten sich in nicht vorhersagbarer Reihenfolge.
Yorna sah, wie Ilariel den goldenen Koloß mit einem Handsignal
dazu brachte, sich ganz flach auf den Boden zu pressen.
Yindith erstarrte förmlich, als ihr Reiter die Befestigungsriemen
des Geschirrs packte und sich mit zwei, drei geschickten Klimmzügen
zu dem Sattel auf dem mächtigen Nackenkamm emporhangelte.
Schließlich richtete sich das Wesen in Form einer goldenen Königin
wieder vorsichtig auf und umfaßte den Metallring mit einer Pfote.
Die Drachen entlang der Kraterkrone duckte sich, und ein Meer durchscheinender,
farbintensiver oder völlig transparenter Schwingen spreizte sich
auf und bewegte sich fächelnd im Wind.
Yindith stieß ein tiefes, kehliges Knurren aus, nahm kurzen Anlauf
und stieß sich mit einem mächtigen Satz von der Krone ab.
Flügelschlagend und trompetend arbeitete sie sich empor, flankiert
von Dutzenden vielbeschäftigter Windstrudel, die unter ihre Schwingen
fuhren und entlang ihres Körpers dahinhuschten, um störende
Wirbel fernzuhalten.
Die zusammengerollten Girlandenstränge schossen durch die Luft,
entrollten sich so schnell, daß selbst dhakanische Augen nur noch
einen Wirbel verschwommener Bewegung wahrnahmen.
Yorna rannte an Marishs Seite und versuchte gleichzeitig, Yindiths Flug
im Auge zu behalten.
Krabbelnd und recht ungeschickt plumpste sie in den Sattel, fingerte
mit den langen Reitriemen herum und schob die Füße nervös
in die Bügel.
Immerhin war es ihr erster Flug. Würde Marish das Gewicht der Girlande
tragen können?
Oder würde er durchsacken, überfordert vom Zerren und Reißen
des Seils, durchgeschüttelt von unvorhersehbaren Turbulenzen?
Ich halte es schon, erklärte der Arbeiter gelassen. Und
so schwer ist sie nicht. Mit einem Nicken auf das sich rasch abrollende
Seil ging der Drache in eine kauernde, angespannte Stellung und wartete,
bis sich das lange, ausgefranste Ende des Seiles mit einem Peitschenknall
in die Luft erhoben hatte und davonflatterte.
Der Reihe nach, wie sie auf der Kraterkrone aufgestellt gewesen waren
- diejenigen, die Yindith am nächsten gewesen waren, würden
die Girlande rechts und links neben ihr tragen - schossen die Drachen
kurz nacheinander in die Luft.
Yornas Magen stülpte sich jäh um, als sie sah, daß die
geflügelten Riesen rechts von ihr fast alle geIndexet waren.
Das blaue Männchen rechts von Yindith und der weiße, reiterlose
Arbeiter links davon hatten gerade fast gleichzeitig in geschickten
Tauchbewegungen die Girlande zu fassen bekommen und bewegten sich nun
fast direkt neben ihr.
Marish schoß ohne Vorwarnung in die Höhe, als die Reihe an
ihn kam.
Yorna hatte fast vergessen, auf den Indexrhythmus zu achten, und sie
ergriff mit einem heiseren Aufschrei die Riemen, die ihr trotz der Handschuhe
tief in die Finger schnitten.
Keuchend und nach Luft schnappend beugte sie sich tief über Marishs
blauen Nacken.
Der Arbeiter stürmte mit beachtlichem Tempo vorwärts, fast
auf Augenhöhe mit der Schwanzspitze seines Vorgängers.
Nach vorne blickend, sah Yorna durch ihre Schutzbrille, wie das weiße
Arbeitertier links neben Yindith plötzlich die Girlande losließ,
ein Stück nach hinten fiel und dann wieder zugriff.
Fast im gleichen Moment, als der weiße Drache das Manöver
vollendet hatte, peitschte der gigantische Drachenflügel der goldenen
Königin durch die Luft an der Stelle, wo der Arbeiter eben noch
gewesen war.
Etwas zu knapp für Yornas Geschmack.
Sie schluckte nervös, als Marish plötzlich seinen rasenden
Flug abbremste, zurückfiel und dann vergnügt schnaubend nach
der flatternden, wild herumpeitschenden Girlande griff.
Drachenaugen waren leistungsfähiger als dhakanische oder gar die
von Nunchas. Der Arbeiter packt eine wild herumpendelnde Sektion der
Girlande mit festem Griff und bremste weiter ab, um sich dem allgemeinen
Tempo des Fluges anzupassen.
Knapp vor ihr sah Yorna, wie ihr der Drache ihres Vordermanns - ein
graublaues Männchen - kurz die Girlande in seinem Griff lockerließ
und ein Stück nach vorne flog, um einen besseren Abstand zu ihnen
zu bekommen.
Die transparente Schwanzflosse des Männchens spreizte sich kurz
auf, und der Schwanz pendelte hin und her, um die heftigen Seitwärtsbewegungen
der im Wind flatternden Girlande auszugleichen.
Abgerissene Blattstückchen schossen durch die Luft, als die Klauen
des Männchens sich erneut tief in die Girlande senkten.
An der Spitze hatte der weiße Arbeiter erneut die Position nach
hinten gewechselt, um dem unglaublichen Sog der vor sich schlagenden
Schwingen Yindiths auszuweichen.
Das saphirblaue Männchen rechts von ihr schien erfahrener zu sein
und hatte von anfang an eine relativ sichere Position hinter ihr eingenommen,
in der er sicher war vor den Turbulenzen.
Yindith schoß mit einem Mal in die Höhe, und in ihrem Kielwasser
gab es einiges an Aufruhr, als der goldene Koloß mit einer wellenartigen
Körperbewegung wieder nach unten sank und, kopf voran, abwärts
und geradeaus schlängelte, wobei Ilariel wahrscheinlich ordentlich
durchgeschüttelt wurde.
Yorna sah kurz, wie der weißhaarige Vi-En'dhakar kurz mit den
Armen ruderte und nach den Halteriemen griff. Kurz darauf jedoch schien
er es sich anders zu überlegen, richtete sich hoch auf und schwenkte
das grüne Frühlingsbanner, das den Girlandenflug anführte.
Yorna kniff die Augen zusammen.
Sie hatte nie verstanden, wie Ilariel es schaffte, sich bei Yindiths
halsbrecherischen Manövern auf ihrem Nacken zu halten. Und noch
weniger verstand sie, warum er ihre Kapriolen noch zu genießen
schien.
Nun ja, vielleicht machte Unsterblichkeit und ewige Jugend ja auch leichtsinnig.
Schließlich würde ihn ein Absturz garantiert nicht umbringen,
und fiele er aus noch so großer Höhe aus den sprichwörtlichen
Wolken.
Ein wenig luftkrank durch den Anblick von Yindiths herumpendelndem Schwanz,
an deren Ende die weit gefächerte Flosse auf den Luftströmungen
lag wie in stillem Wasser, sah sie auf das unten vorbeiziehende Land.
Da unten waren Zuschauer, aber nicht besonders viele.
Mehr würden sie erst sehen, wenn sie die ersten Siedlungen erreichten.
Wahrscheinlich waren die Dächer schwarz vor Leuten, die mit ansehen
wollten, wie Drachen hoch über ihren Köpfen dahinflogen, zwischen
sich die prächtige Frühlingsgirlande, die Leben, Fruchtbarkeit
und Sonne in einem symbolischen Akt zurückbringen sollte, nachdem
der Winter vorbei war.
Rundherum hingen noch immer hartnäckige Eisnebel über verschneiten
Flächen inmitten des Waldes auf den Hügeln.
Eliyes Carna war bereits weit zurückgefallen und ragte am Horizont
nur noch als glitzernder, schattenhafter Kegel auf.
Yorna kauerte sich wieder auf dem Nacken zusammen und warf hin und wieder
einen Blick links und rechts in die Runde.
Sie war etwas enttäuscht, wie sie sich schließlich eingestehen
mußte.
Der Flug war wahrhaftig nicht ein so herausragendes Erlebnis, wie sie
es sich immer vorgestellt hatte.
Sicher, es war ein Privileg, mitfliegen zu dürfen, und daß
der eigene Drache die Girlande mittragen durfte.
Aber nüchtern betrachtet war das Ganze nicht mehr oder weniger
als ein Langstreckenflug in Formation, der ein wenig heikler dadurch
wurde, daß die Girlande viel von der Bewegungsfreiheit einer normalen
Flugformation raubte. Entweder, man paßte sich dem verhalten des
schweren Seiles an, oder man scheiterte.
Dazu kam das heftige Zerren des Windes an dem rankenumschlungenen Seil.
Jeder Drache mußte sich ins Zeug legen, um die Girlande zu schleppen.
Gleichzeitig machte Yindiths gewaltige Zugkraft an der Spitze einiges
wett. Zumindest die ersten drei oder vier Trägerpaare der Drachen
konnten von ihrem Kielwasser profitieren und mußten sich nicht
so anstrengen. Das war wohl auch der Grund, warum nur kräftige,
gesunde Jungtiere die hinteren Girlandenteile tragen durften. Ein Drachensenior
hätte der Belastung auf einem stundenlangen Flug nicht standgehalten.
Yorna fragte sich, ob die Auslosung der Girlandenträger in den
anderen Horten auch so unparteiisch und fair stattgefunden hatte wie
in Eliyes Carna. Intrigen und Ränkespiele gab es hier zwar, aber
nicht so massiv, daß davon geheime Auslosungen betroffen gewesen
wären.
Was sie von einigen anderen Horten gehört hatte, legte aber den
Schluß nahe, daß die weit entfernten Außenposten der
Drachen nicht ganz so gut organisiert waren wie die Heimat der Alten.
Mürrisch schob sie den Gedanken beiseite und konzentrierte sich
wieder auf den Flug.
Die erste Siedlung, die sie erreichten, war nicht besonders beeindruckend,
aber die Zuschauer bekamen immerhin etwas zu sehen.
Drachen wechselten im Flug die Formation an der Girlande, und beim ersten
Wechsel stob Marish selbstbewußt nach vorne und verdrängte
das blaue Männchen rechts von Yindith von seinem platz.
Der Reiters des Blauen grinste Yorna nur über die Distanz an und
fing das Signal prompt auf.
Yorna spürte, wie sie bis in die Haarwurzeln errötete.
"Das war nicht fair!" beklagte sie sich, als Marish leicht abbremste
und seine Pfoten tief in die Ranken des Seiles grub.
Du sagtest, du magst ihn. Also, ich verstehe nicht, warum du dich
bescherst! Marish schüttelte sich vor innerem Lachen und zog
die Lefzen über den Backenzähnen zurück.
"Aber ich hätte nie den Nerv..." stöhnte Yorna auf und schüttelte
den Kopf.
Eben! Ich glaube, diese Aufforderung war für Dhulin zu offensichtlich,
als daß er sie hätte übersehen können.
Yorna vergrub den Kopf dicht am Nacken ihres Gefährten. "Verräter!"
murmelte sie beschämt, mußte jedoch zugleich grinsen. "Ich
kann mich nicht gegen den Gedanken wehren, daß du dich mit Dhulins
Männchen abgesprochen hast!"
Drachensache, gab Marish würdevoll zurück.
"Ah ja." Yorna grinste nun trotz ihrer Verlegenheit.
Yindith hatte kurz den Kopf gesenkt und setzte zu einem weiteren ihrer
waghalsigen Sink- und Steigmanöver an.
Yorna fluchte, als sie sah, wie die Schwanzflosse des goldenen Ungetüms
flatterte, und der gesamte Körper wellenförmig abtauchte und
wieder emporschoß.
Marish folgte dem Manöver mit angezogenen Schwingen und flatternder
Flughaut. Yorna spürte, wie der Drache den Atem anhielt und die
Königin im Auge behielt. Erst, als diese sich wieder in eine normale
Fluglage gebracht hatte, stieß der blaue Arbeiter den Atem aus
und seufzte. Yorna nickte, denn sie dachte genau das selbe wie ihr Drache.
Mochte es ein Privileg sein, direkt neben Yindith zu fliegen... Es war
auch ein verdammtes Risiko, und man mußte ständig auf der
Hut sein.
Als die gefährliche Situation erfolgreich gemeistert war, kehrten
ihre Gedanken wieder zu Dhulin zurück, und ein sonderbar verträumt
wirkendes Lächeln kräuselte ihre Lippen.
Nach dem Flug, wenn sie auf der Flugroute umkehrten, und an jeder Siedlung
landen würden, um einen kleinen Happen zu sich zu nehmen und einen
kleinen Schluck zu trinken, würde Dhulin bestimmt zu ihr kommen.
Naja, vielleicht sollte sie Marish ja dankbar sein, denn sie selbst
hätte nie den Nerv gehabt, den Reiter von sich aus anzusprechen.
Fast mußte sie kichern bei dem Gedanken, daß ihr Drache
Dinge für sie in die Hand nehmen mußte, zu denen sie selbst
nicht den Schneid hatte.
Aber eben nur fast. Das, was sie hinderte, war die eigene Scham und
die Verlegenheit vor der Situation.
Als sie seufzend zu Yindith herüberblickte, sah sie, wie Ilariel
gerade das grüne Banne unter einem Riemen seines Geschirrs befestigte
und sich dann lang über dem hohen Kamm ausstreckte.
Seufzend nahm sie sich an ihm ein Beispiel. Die nächste Siedlung
lag noch ein oder anderthalb Flugstunden entfernt, und sie sollte ihre
Kräfte sparen.
Yindith würde keine Kapriolen schlagen, solange ihre Reiter sich
entspannen wollte, und das bedeutete für sie und die anderen Träger
relative Sicherheit.
Wer weiß, dachte sie, als sie sich ausstreckte, vielleicht
wechselt Dhulin mich nachher ja nochmal ab?
Ich könnte es zumindest arrangieren, ließ Marish sich
schelmisch in ihrem Kopf vernehmen.
Yorna grinste und zuckte die Schultern, während sie es sich gemütlich
machte.
Tu, was du nicht lassen kannst...
Und sie machte sich auf einen langen, ereignislosen Flug durch die kühlen
Luftschichten gefaßt... bis zur nächsten Siedlung!
|